„des Herrn Vogtens Sommerhauß“.

 Aus der Vergangenheit eines qualitätvollen Barockgebäudes in Neuses am Berg

 

Im Vorfeld der Sanierung und Revitalisierung von Baudenkmal Dorfstraße 24 Am Weinkrug 1 in Neuses am Berg wurde seitens des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege im Jahr 2001 eine Sichtung der Archivalien angeregt. Der seinerzeit leer stehende Barockbau bestach selbst in unrestauriertem Zustand durch seine überaus reiche und qualitätvolle, insgesamt repräsentative Ausstattung. Die Großzügigkeit der ursprünglich sicher freistehenden Anlage ließ eine besondere Funktion sowie gehobene Besitzverhältnisse vermuten. Ziel dieser zeitlich begrenzten Erhebung war die Ermittlung der schriftlichen Überlieferung, die zur Identifikation des Gebäudes und damit zur

Erhellung der Baugeschichte beiträgt. Die archivalische Recherche erfolgte überwiegend im Staatsarchiv Würzburg sowie im Stadtarchiv Dettelbach.

Aufnahme des Hauses, Vorzustand 2001

 

 

Baubestand

 

Das Baudenkmal Dorfstraße 24 in seinem heutigen Erscheinungsbild entstammt der Barockzeit: Das am Torbogenscheitel des Kellerabganges mit der Jahreszahlinschrift 1707 bezeichnete, zweigeschossige Walmdach- Gebäude kennzeichnet eine durchgängig einheitliche Ausstattung von herausragender Qualität. Als besonders reizvoll seien die aufwändigen Stuckierenden sowie besonders reich ausgeführte Türen, teilweise mit Rosenblattknauf, benannt.

 

 

Jahreszahl 1707 im Stürz des Kellereingangs

Die genannte Jahreszahl belegt eine umfassende Umgestaltung des bestehenden Vorläuferbaues; die Fälldaten der verwendeten Bauhölzer bestätigen zudem die Baumaßnahme am Beginn des 18. Jahrhunderts. Weitere Umbauten bzw. Überformungen im Gebäudeinneren sind durch die vom Restaurator freigelegten gemalten Jahreszahlen 1789 und 1825 fixiert, die sich innerhalb einer Supraporte, einem bemalten Feld oberhalb der Türe zur Wendeltreppe fanden. Das Anwesen

wurde um 1835 als das Haus Nr. 9 bezeichnet und stand auf der Flurstücksnummer 13; zugehörig war die nördlich und östlich ausgedehnt angrenzende

Flurstücksnummer 14.

 

Barocktüre im Haus

 

Vorläuferbau

 

In vorgenanntem Barockbau sind, wie die Bauforschung und die restauratorischen Befunde ergaben, Teile

eines ebenfalls bedeutenden Vorläuferbaues aufgegangen: Neben dem Hauptkeller ist die westliche Erdgeschossfassade sowie der die Geschosse verbindende Treppenturm, welcher eine qualitätvolle Sandsteinspindeltreppe in sich birgt, einem echterzeitlichen Vorgängerbau aus dem späten 16. bzw frühen

17. Jahrhundert zuzuschlagen. Spindeltreppen ähnlichen Gepräges befinden sich zeittypisch in der ehemaligen.

Amts Kellerei zu Miltenberg, dem heutigen Stadtmuseum von 1611, und im ehemaligen Adelshof, Hauptstraße 194, der heutigen Miltenberger Stadtbibliothek. Fenstergewände mit Karniesprofilierung ergänzen den überkommenen Bestand des einstigen Renaissancebaues. Die ältere Kelleranlage besteht aus zwei orthogonal zueinander stehenden Tonnengewölben, die eine stumpfe Baunaht voneinander scheidet. Die Lage dieser

Baunaht ist gegen über der Nordfassade des Barockbaues deutlich versetzt. Beide Keller waren um 1835 in der heutigen Form überbaut; lediglich eine im Urkataster erkennbare Erweiterung gegen Osten wurde seitdem abgebrochen.

 
 

 

Lage im Ort

 

Der Urkataster aus dem Jahr 1835 belegt für Neuses die Anlage eines Haufendorfes. Dessen scharf gezeichnete Außenkontur belegt die Existenz eines Dorfhages, der in unterschiedlicher Ausgestaltung die Dorfgrenze bildete. Für Neuses ist ein Wasser- graben und eine Zaunhecke überliefert, die auch im Kataster an der südlichen und westlichen Dorfseite als solche identifizierbar sind. Im östlichen Bereich des Dorfhages, an den Haus Nr. 9 mit seinem Grundstück angrenzt, bestand ein Abschnitt mit Mauer; auch diese ist im Urkataster ablesbar.

 

Für den kompakt umrissenen Ortskern ist durch die Straßenführung eine gewisse regelmäßige Anordnung in insgesamt sechs mehr oder minder große und unter- schiedlich verdichtete Baublöcke zu konstatieren. Haus Nr. 9 befindet sich exakt im Zentrum jenes Baublockes, der die geringste innerörtliche Verdichtung aufweist. Grundsätzlich sind für Neuses die fast durchwegs giebelständig an die Straße angrenzenden Hauptgebäude kennzeichnend, denen sich rückwärtig und rechtwinklig dazu landwirtschaftliche Nebengebäude anschließen.

 

Innerhalb dieser ortsüblichen Bebauung der Haken bzw. Winkelhöfe bildet Anwesen Nr. 9 die große Ausnahme: Seine deutlich von der Straße zurückgesetzte Lage, mit seiner Längsseite straßenparallel und zudem nahezu mittig in der von der Ortstraße und dem Dorfhag eingebundenen Parzelle, lässt unstrittig auf eine großzügiger angelegte Hofanlage schließen.

 

Das Anwesen stand einst sicher frei. Die ehedem offene Bebauung wurde wohl erst im späten 18. und 19. Jahrhundert zu dem heute geschlossenen Straßenbild systematisiert.

 

 

Urkataster 1835

 

 

Die Erschließung der Hofanlage erfolgte sicher von der Dorfstraße aus, wenngleich sich der Gebäudezugang an der abgewandten, östlichen Traufseite befand.

Die einst zweiläufige Freitreppe, wie sie an der Fassade über die Putzkonturen noch erkennbar war, existierte in 2001 nicht mehr. Im Urkataster von 1835 ist die repräsentative Außenerschließung des gegen Osten als Hochparterre erscheinenden Erdgeschosses aber noch gut erkennbar.

 

 

 

Politische Verhältnisse

 

Die Herrschaftsverhältnisse in Neuses waren seit dem Beginn des 16. Jh. gesplittet: Der Markgraf zu Brandenburg-Ansbach hatte 32 Untertanen am Ort (protestantisch), das Hochstift Würzburg (katholisch) insgesamt 26 Untertanen mit Einschluß von elf Halbmännern, die beiden Herrschaften zugleich untertan waren. Ferner hatte die Abtei Münsterschwarzach zehn und die Familie von Crailsheim fünf Untertanen am Ort. Insgesamt hatte der Ort seinerzeit 73 Bürger. Die Fürst bischöflichen Untertanen gehörten in das Amt Dettelbach, die markgräflichen Herdstätten unterstanden dem Amt Stephansberg. Diese politische Regelung hatte Einfluss auf las Gefüge der Siedlung, auf die Bevölkerungsstruktur, auf das gerichtliche Geschehen und auf das wirtschaftliche Leben.

 

 Besitztumsverhältnisse

 

Das Haus Nr. 9 gehörte zum brandenburgisch-ansbachischen Teil von Neuses. Im Rechnungsbuch von 1777 des Katasteramtes Stephansberg wird die Hofstelle

als Brandenburgische zweite Hub, von ein Viertel dieser Hub benannt. Hub, auch huba, Hufe, curia und mansus, bezeichnet das Eigentum an Grund und Boden,

d.h. eine Hofstelle mit allen Rechten an der Allmende, jenem Land, das sich im Besitz der Gemeinde oder der Markgenossenschaft befindet.

 

Ein Katalogverweis ebenda auf das Salbuch de 1534 p. 95 b belegt bereits die Zugehörigkeit der viertel hub dazu zehnthauß und ein Kalterhauß zu Stephansberg

für das 16. Jh. Beschrieben wird die Hofstelle Ein Hauß, Scheuren, Kalter Hauß und Stallung samt der Hofraith zwischen Schultheiß Lindner und Martin Wießmann.

 Ein weiterer Katalogverweis ebenda Cat. De 1743 pag. 9 benennt bereits als ältere Besitzer einen Johannes Mez sowie einen Johann Caspar Mez. Johannes Met

wird in einem Gerichtsbuch 1740 namentlich benannt. Johann Caspar Metz wird 1756 genannt als Hochfürstlich Brandenburg-Onolzbachischer Untertan wie auch Evangelischer Schuldiener und Gerichtsschreiber daher zu Neußes am Berg: Wann das Anwesen in den Besitz der Familie Metz kam, bleibt noch ungeklärt;

bereits 1589 wird aber am Ort ein Walther Metz benannt. In den Siebenerprotokollen des Jahres 1707 ist von Steinüberprüfungen an des Herrn Vogtens Sommer-

hauß die Rede.

 

Aufgrund der durch die Bogeninschrift und die dendrochronologische Fälljahrbestimmung belegten Erneuerung des Haupthauses im Jahr 1707 ist es überaus wahrscheinlich, dass sich diese Quelle auf Haus Nr. 9 bezieht; Lage und Charakter des Anwesens stärken die These einer solchen Funktion. In zeitlicher Folge

ging das Anwesen an die Wittib von Johannes Mezen und wurde dann anno 1748 von der Tochter Lina Dorothea und deren Ehemann Christoph Müller pro 500 fl. erkauft. Das Anwesen muss anschließend geteilt worden sein, denn Die übrige Mezische Helfte wurde anno 1777 von Sohn Martin Metz ererbt. 1778 wird Martin

Metz in einem Gerichtsbuch benannt. 1784 ging die Müllerische Hälfte an den Sohn Johann Georg Müller und wurde später von dem vorstehenden Metz dazuerkauft, somit Metz ganz; nachher dessen Witwen. Ein Nachtrag benennt als Besitzer Anno 1807/8 dessen Sohn Johann Christoph Metz. Besagter Johann Christoph Metz wurde am 7.02.1778 als Sohn des preußischen Gerichtsmanns Johann Martin Metr, geboren am 19.08.1752, und dessen Ehefrau Margaretha Barbara Kemmeter geboren; als Bauer heiratet er am 12.02.1798 Margaretha Barbara Stier, die Tochter des Gerichtsmanns und Siebner Johann Konrad Stier. Wahrscheinlich bezieht sich die gemalte Initiale C der Sopraporte am Treppenzugang auf Christoph Metz. 1803 wird er im Grundbuch, 1815 im Steuer- und Schatzungsbuch benannt. Um 1829 erwirbt Christoph Metz einen Weinberg, der dem Würzburger Kloster St. Stephan zu Lehen ging; nach dessen Tod erscheint seine Frau als Besitzerin. Deren beider drittgeborenes Kind, Margaretha Barbara Metz, geboren am 26.06.180 I, heiratet am 4.06.1822 Johann Georg Winterstein, Witwer und Vorsteher aus Schernau, der am 22.11.1856 in Haus Nr. 9 verstarb.

 

Im Jahr 1880 ist Haus Nr. 9 im Besitz von Gustav Wilhelm Stephan, Spengler in Sommerach; er ist verheiratet mit Rika Hausmann, Witwe des Gottlieb Walldorf;

ihre Kinder heißen Emilie Magdalena, Emil Max, Adolf Peter, Wilhelm Georg, Emilie Maria, Wilhelm Carl und Anna Barbara. Im Jahre 1910 war das Haus Nr. 9 im Besitz der Eheleute Drescher, Martin und Margarethe, Eheleute Neuses am Berg. Das Anwesen wird wie folgt umschrieben: Wohnhaus, Keller, Stall, Scheuer, Wagenhalle, Schweinestall, Scheuer, Stallung mit Futterboden und Hofraum; die Besitzgröße betrug 0, 107 Hektar, 0,314 Tagwerk. Das Grundsteuerkataster von 1915 im Staatsarchiv Würzburg verzeichnet die folgenden Eintragungen: Haus Nr. 9, Drescher, Martin, und Ehefrau Margaretha in allgemeiner Gütegemeinschaft,

Plan Nr. 13: Wohnhaus mit Keller und Scheuer, Wagenhalle, Schweinestall, Scheune, Stallung mit Futterboden und Hofraum, 0, 107 Hektar = 0,314 Tagwerk; Plan Nr. 14 Baum- und Gemüsegarten, 0,224 Hektar = 0,657 Tagwerk. - Pl. Nr. 13, Wohnhaus, dann Pl. Nr. 14 und das Gemeinderecht gekauft mit der veräußerten Plan Nr. 14½ um 8.118 Mark 57 Pfennig von den Erben der Barbara Winterstein, Dokument des Notars Dettelbach vom 17. Mai 1906. Gesamtbesitz an Acker, Wiesen

und Weinbergen 5,0631 Hektar = 14,852 Tagwerk.

 

 

 

 

 

Die Weitergabe und die Expansion in den Dreißiger Jahren belegen die Grund- steuerkataster- Umschreibhefte nach 1927: Steuergemeinde Neuses am Berg, Drescher, Martin und dessen Ehefrau Margaretha, Haus Nr. 9, Nun: Drescher, Martin und Margaretha in allgemeiner Gütergemeinschaft 2. August 1922 gem. Ehevertrag. Nun: Reich, Anna, Landwirtin, Überlassung, 2. August 1930, Gesamtbesitz: 5,4991 Hektar, i.e. 16,130 Tagwerk. Nun: Röder, Georg und Anna in allgemeiner Gütergemeinschaft 4. August 1931 Ehevertrag 23. Mai 1930, Gesamtbesitz: 8,7601

Hektar, i.e. 25,699 Tagwerk.

In einer in ihrer Datierung ungesicherten, handschriftlichen Hofliste (1947?) wird ebenfalls noch der Bauer Martin Drescher genannt.

 

Dr. Matthias Wieser

 

 

Gebäude nach Restaurierung

 

 

Die gesichteten Quellen belegen eine überaus wechselhafte Besitztumsgeschichte für das ungewöhnlich reiche, von vielen Zeitschichten gekennzeichnete Gebäude.

Die heutigen Besitzer haben mit ihrem Entschluss zu der vor einigen Jahren abgeschlossenen Gesamtinstandsetzung dessen Fortbestand sichergestellt. Heute gibt sich das Gebäude, einfühlsam und fachgerecht hergerichtet, in weiten Teilen wieder in jenem Gepräge, wie es ihm vor genau drei Jahrhunderten zueigen war.

 

 Büro für Bauforschung, Gebäudeinstandsetzung und Denkmalpflege. Sommerhausen-Ansicht des Gebäudes nach erfolgreicher Restaurierung

 (Foto: Heinrich Stier 2006)

 

  zurück