Der Taufstein
   
 

  

Der Mann ohne Gesicht.

In vielen Gotteshäusern unseres mainfränkischen Raumes ist der Taufstein das älteste Denkmal der Kirche. Taufsteine 

haben in der Regel jede Renovierungsphase überdauert; das mag verschiedene Gründe haben: Zum einen ist ihre

Form zeitlos, wenig den stilistischen Veränderungen unterworfen; zum andern haftet ihnen die Aura der Unantastbarkeit

an: mit keinem anderen Denkmal der Kirche ist die Geschichte eines Ortes, einer Kirchengemeinde so sehr verbunden,

denn über dem Taufbecken wurden Generationen dem christlichen Glauben gewidmet, an keinem anderen Denkmal der Kirche haften so viele Erinnerungen. Das gilt in besonderem Maße auch für die evangelische Kirche von Neuses am Berg:

Der sechseckige Taufstein stammt aus der Renaissancezeit und kann laut Inschrift auf das Jahr 1585 datiert werden. 

Er stammt also aus der Epoche, als das Dorf konfessionell geteilt war. Viele waren dem protestantischen Markgrafen untertan, viele andere dem katholischen Würzburger Fürstbischof, und die sog. .Halbmänner" - waren sogar beiden Herrschaften zinspflichtig. Über viele Jahrzehnte hinweg musste die Kirche simultan, d.h. von beiden Konfessionen genutzt werden; Streitigkeiten blieben da nicht aus. Doch auch als nach Ende eines langen Rechtsstreites sich die Katholiken 1784 ihr eigenes Gotteshaus bauen durften und die evangelischen Christen das bestehende renovierten, gab

es zwar eine neue Kanzel und einen neuen Altardoch der Taufstein blieb bestehen! Er  verdient deshalb die besondere Aufmerksamkeit des Besuchers.

 

 

 

Aus Sandstein gefertigt, farbig gefasst, besitzt er ein sechseckiges Taufbecken mit einem umlaufenden Zinnenfries. In den Bogenfeldern ist die Taufe Jesu im Jordan

zu sehen, eine liebenswert-naive Darstellung, aber auch das würzburgische und das ansbachische Wappen als Symbole der beiden Dorfherrschaften. Die Inschrift

im Sockel erinnert an einen jungen früh verstorbenen Mann: ,,'85 DEN XII. NOVEMP IST IN GOT VER SCHIDEN DES ERWER NICOLAVS WIRSSVNG SON SEINES

ALTERS XX IAR DER SELE GOT GENEDIG SEIN", was so zu interpretieren ist: Der Sohn des ehrenwerten Nicolaus Wirsung ist am 20. November 1585 im Alter von

nur 20 Jahren gestorben. Amüsant die mangelhafte Orthografie des Steinmetzen, der wohl des Schreibens nicht kundig war und auch mit seinem Text in der kleinen Nische platzmäßig nicht auskam.

 

 

 

Jener Nicolaus Wirsung ist auf der Vorderseite des Sockels knieend abgebildet, in einen vornehmen Überhang mit Halskrause gehüllt und betend, zu seinen Füßen

sein Hauswappen, ein Weinstock mit zwei Träubeln. Die beiden anderen Wappen ringsum (hier nicht abgebildet) sind wohl die auswappen begüterter Ratsherren

beider Konfessionen, die damals im Amt und an der Stiftung des Taufsteins beteiligt waren. Die beigefügten Handwerkszeuge berichten über ihre Berufe des Fischers

(Bootshaken, Dreizack, Schlägel) und des Winzers (Schnitthappe, Rebschere).Doch die Gestalt des Stifters Nicolaus Wirsung lässt den Betrachter verwundert

innehalten denn sein Gesicht ist abgeschlagen! Hier muss Absicht vorliegen, denn Verwitterung kann es ja nicht sein, weil der Taufstein stets im Innenraum stand.

Warum wurde ein solcher Frevel begangen? Die geheimnisvolle Geschichte wird noch merkwürdiger, wenn man sich in der Kirche näher umsieht: Man kann die Neuseser Kirche an der Südseite oder von vorne durch das iurmuntergeschoss betreten. Wählt man diesen Weg, dann gelangt man zunächst in einen Vorraum hinter dem Altar. Zwei Epitaphien aus der Zeit um 1600, von ihrem Alter gezeichnet und z.T. beschädigt, lehnen dort an der Wand. Auch sie erzählen ihre ureigenste

Geschichte:

 

 

 

Das eine Epitaph (s. rechts) ist dem gleichen Schultheißen, dem Stifter des Taufsteins Nicolaus Wirsung gewidmet, der im Alter  von 70 Jahren gestorben war; zu

seinen Füßen sein Hauswappen: ein Weinstock mit zwei Träubeln. Wann er gestorben ist, sagt die umlaufende Inschrift nicht mehr, denn die obere Schriftleiste ist

abgeschlagen. Der andere ebenfalls beschädigte Stein ist dem Gedenken seiner Frau Anna gewidmet.

 

 

 

Aus der Überlieferung ist bekannt, dass beide Grabsteine 1967 wieder gefunden wurden - sie waren in der Kirche als Bodenplatten mit dem Gesicht nach unten

eingemauert gewesen. Damals hat man sie dann im Vorraum an der Wand aufgestellt. Doch warum mit dem Gesicht nach unten? Kommt darin eine weitere Ächtung

des Nicolaus Wirsung zum Ausdruck? Wo liegt die Lösung dieses merkwürdigen Rätsels?

Wir sind auf Vermutungen angewiesen, doch ist die Lösung mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Differenzen der beiden Konfessionen zu suchen: Vielleicht war Nicolaus Wirsung in jener Zeit, als die Kirche von beiden Konfessionen genutzt wurde, der katholische Schultheiß, und man hat, als die Kirche 1784 rein evangelisch wurde, sein Gesicht unkenntlich gemacht und sein Epitaph als Bodenplatte verwendet.

Oder war er der evangelische Schultheiß und hat sich in den Auseinandersetzungen mit den Katholiken zu tolerant verhalten oder hat sich gar auf deren Seite

geschlagen und sollte nun als Verräter gebrandmarkt werden? Besonders heftige Konflikte gab es nach 1621, als Georg Ludwig Codomann evangelischer Pfarrer in Neuses war; 1628 marschierten sogar die Dettelbacher mit 200 Soldaten vor das Dorf, besetzten die Kirche, vertrieben den unbequemen Pfarrer und verdrängten

die Protestanten für längere Zeit aus ihrem Gotteshaus. Hat Nicolaus Wirsung vielleicht in jenen unseligen Tagen eine unrühmliche Rolle gespielt, die man ihm über

Jahrhunderte hinweg übel genommen hat?

 

 

 

Wünschen wir dem armen Schultheißen, falls er sich irgendwie schuldig gemacht haben sollte, trotzdem die ewige Ruhe, gemäß der christlich-tröstenden Inschrift,

die auf dem Grabstein seiner Frau zu lesen ist:

 

˶Ich lige und schlaffe gantz mit frieden denn allein du herr hilffest mihr dass ich sicher wohne.˝

 

Dr. Hans Bauer

 

 

Anmerkungen:

 

Für hilfreiche Hinweise ist Herrn Heinrich Stier aus Neuses herzlich zu danken.

 

In diesen Tagen entsteht ein "Reiseführer" durch das evangelische Dekanat Kitzingen, mit Beschreibungen aller Denkmäler und Kirchen. Das Buch wird am

Himmelfahrtstag 2012 vorgestellt werden; auch die Neuseser Kirche und der Meditationsweg durch die Neuseser Weinberge, aber auch die Kirchen von Sehemau

und Dettelbach sind darin enthalten und ausführlich beschrieben.

 

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