Das alte katholische Schulhaus von Neuses am Berg
 

 

Die Haus- und Baugeschichte

Das erste katholische Schulhaus in der Neuseser Kreuzgasse hinter der katholischen Kirche steht wieder in neuem Glanz, nachdem es erst  2012 von Jan Adolphs aus Düsseldorf aufwändig restauriert wurde. Jan Adolphs verbrachte nach dem II. Weltkrieg aufgrund der Kriegsfolgen Kinderjahre in Dettelbach. Durch Zufall „entdeckte“  er vor einigen Jahren die „Alte Schule“ in Neuses am Berg. Er freundete sich rasch mit dem denkmalgeschützten Gebäude an und ließ es nach den Vorgaben des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege restaurieren. 1784 wurde der markante zweigeschossige Walmdachbau mit Fachwerk Obergeschoß

 

zusammen mit der katholischen Kirche erbaut, als weitere Schule für die katholischen Bürger. Weil die bestehende örtliche Schule an der bis dahin simultan genutzten (ab diesem Zeitpunkt rein evangelischen) Kirche ohnehin zu klein gewesen wäre und die Streitigkeiten der beiden Konfessionen damit auch gemildert werden sollten, wurde der Ort um dieses Schulhaus erweitert. Man könnte auch sagen, dass mit diesem Bau die „Neuseser Eigenart“ komplettiert wurde, alles gleichwertig doppelt zu haben: Die beiden fast gleichartigen Kirchen, evangelisch und katholisch, oder auch die Gashäuser Bäckereien, Schmieden und später die Lebensmittelläden.

 

Aus dem Archivmaterial in der Stadt Dettelbach lässt sich das folgendermaßen herauslesen: Wir schreiben das Jahr 1786. Der hinterteilige Bau an der neuen katholischen St. Nikolauskirche steht vor der Vollendung. Der Schulbetrieb beginnt. In den folgenden Jahren hat die Gemeindeverwaltung Neuses am Berg mit Gleich-behandlungen zu kämpfen, denn bei zwei gleichen Kirchtürmen sind es auch zwei annähernd gleiche Schulen, deren funktionellen Bedürfnisse möglichst gleich zu stellen sind.

 

 

 

 

In folgenden Schulrechnungen, die an die Gemeinde gestellt werden, tauchen vereinzelt Namen der Lehrer von damals auf. Die interessanteste Rechnung Aufstellung dürfte die sein, die gut 80 Jahre nach der Erbauung der katholischen Schule wegen eine Renovierung für die Lehrerfamilie Endreß berichtet. So hatten die beiden örtlichen Schulpfleger Johann Troll und Michael Reu zusammen mit Gemeindepfleger Stahl und Bürgermeister Müller die Rechnungen zu überprüfen, die zusammen 123 fl. (Gulden) und 16 kr (Kreuzer) ausmachten. Bei dieser Baumaßnahme musste vor allem eine "baugebrechliche" Mauer erneuert werden: Zwischen dem Schweinestall und Schulabtritt", -wie es im Protokoll heißt. Sie bestand aus "30 Cubikfuß" Mauerwerk und kostete 3 fl (Gulden). Insgesamt hatte die Mauererkolonne 67 fl in Rechnung gestellt. An Zimmerarbeiten waren 22 fl fällig. Die Tüncherarbeiten waren mit 35 fl angegeben und der Rest teilte sich in Glaser- und Schmiede-rechnungen. Vielleicht wusste man zu der Zeit schon, dass ein Lehrerwechsel unmittelbar bevorstand und das Schulhaus in Ordnung sein musste.

 

Im Jahre 1872, fast hundert Jahre nach Erbauung, am 16. Oktober nämlich, trat der junge Lehrer Joseph Alois Ruckert seine erste Lehrerstelle in Neuses am Berg an.

Ruckert wurde sehr bald bekannt als Schulbuchautor, Heimatdichter und „Mundart-Experte“. Es wird berichtet, dass das Niveau der Schule mit diesem Junglehrer enorm gestiegen sei, denn viele Schulmittel und Lehrbücher waren nicht nach seinen Vorstellungen und er hatte hier schon mit eigenen Ideen „vorgesorgt“. So könnte man sich das heute vorstellen, nachdem man weiß, dass er in seiner Berufslaufbahn insgesamt 26 Werke, darunter einen sehr großen Anteil wertvoller Schulbücher verfasst hat, die ihn später so bekannt machten. Diese Epoche dürfte für dieses Haus die größte Bedeutung haben. Deshalb bedarf es auch eines nachfolgenden Extra-Beitrags über Alois Josef Ruckert.

 

 

 

 

 

Die katholische Schule stand an der ehemaligen Ortsverbindungsstraße nach Schnepfenbach, den Orten „im Grund“ Neusetz und Brück.  Die heutige Brückerstraße wurde immer Lehmagrüam genannt und hatte noch nicht lange eine Ortsverbindungs-Bedeutung. Die Schule war absolute Parallele zum evangelischen Schulhaus neben der dortigen Kirche (Messnerhaus). Auch hier war alles um 1785 erneuert worden.

Es war nötig, -und auch andernorts so gehandhabt, dass der Lehrer „niedere Dienste“, wie Organisten-, Glöckner- und Messnerdienst, sowie die Gemeindeschreiberei zu verrichten hatte. In Neuses war Letzteres im Wechsel mit dem evangelischen Lehrer

 so geregelt. Die vielseitigen Lehrer-Tätigkeiten waren auch der Grund, weshalb gerne Schulen ganz in die Nähe der örtlichen Kirche gebaut wurden. Interessant ist es, wie sich Lehrer in dieser Zeit durchzuschlagen hatten. Sie waren großenteils auf die Güter angewiesen, die sie von den Bauern bekamen: Schlachtschüsseln, Most, Getreide und andere Naturalien - sogar solche, die offiziell der Besoldung angerechnet wurden. In Kurzform liest sich das aus dieser Zeit so:Jahreseinkommen von der Gemeinde und aus Stiftungen ungefähr 80 fl (Florentiner Gulden) 30 Kr (Kreuzer), vom Arear und von Privaten“ ebenfalls um die 80 fl, als Kirchendienst- Empfänger etwa 40 fl und aus der Gemeinde

 

Schreiberei 12 fl. Dazu noch aus dem Kreisfond 50 fl. Dies blieb ihm aber nicht, sondern er hatte zwar die Möglichkeit aus seiner Landwirtschaft, dem Dienstgrund

und dem Weiderecht, Gewinn zu schöpfen, wofür ihm als Umlage aber noch über 50 fl abgezogen wurden. Hinzu kamen aber auch noch Abzüge und Lasten (5 fl),

die er in Form von Scheuerzins, Bodenzins und Holzbeifuhr gebührend zu entrichten hatte. Vergleicht man dieses Einkommen zu heutigen Werten, ergibt dies eine Rechnung von etwa 200 €, wenn man den Wert des Getreidepreises der damaligen Zeit in Relation setzt.

 

 

 

Nach Ansicht der Bürger zählte ein Lehrer trotzdem zu den Besserverdienenden.  Ein Lehrer traute sich seinerzeit aber kein Sterbens- Wörtchen Neid über einen Bauern verlauten zu lassen. War er doch, wenn er nicht hungern wollte, sehr abhängig. Der junge erfindungs-  und wortgewandte Junglehrer Alois Josef Ruckert machte das aber in einem langen

20-versigem Gedicht

 „Hannsod`ls Urt`l ü Lehrer“, (Hans Adams Urteil über Lehrer) auf seine Art deutlich und lobte im ersten Vers die Arbeit und Mühe des Bauern, der hinnern Pluag schwitzt. Ab dem 2. Vers aber „reibt“ er es den Bauern, denen als ägner Herr ganz frank-a-frei , redt ke Pfarr, kee Amtmou in seiner Ärwet nei. Ganz anners ist bein Lehrerstand, Dar hat a bittersch Broat: Wenn ener nix derheiert hat, za stackt`r in de Noat. Inspakter, Bauer, Amtmou, Schulz, de Pfarr, wäß Gott no war? Senn all`, wia hinnern Hos die Hünd, sou hinnern Lehrer har. Sehr ausführlich wird hier in heiterem, wie vorwurfsvollen Ton die Verantwortlichkeit des Lehrers für Schule, Kirche und Dorf kritisch dargestellt und als Ende wieder gnädig der Bauernstand erwähnt. Dank solcher Geschichten lässt sich auch Vieles aus der Zeit der „Alten Schule“ wieder finden. Das Haus wartete lange auf eine Erneuerung und wurde nach dem II. Weltkrieg als Wohnhaus für drei bis vier, teils kinderreiche Familien genutzt.

 

 

Es gelangte in mehrere Privatbesitze, ohne dass es einer großen Zukunft entgegen sehen konnte. Jetzt erstrahlt es Gott sei Dank wieder in neuem Glanz und erfreut sich hoffentlich zahlreichen Publikumsverkehrs, denn der neue Besitzer hat in den oberen Räumen ein neuzeitliche „Yogaschule“ eingerichtet, und im Erdgeschoss eine heimelige ruhige Wohnung in schöner altehrwürdigen Umgebung.

 

Heinrich Stier

 

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